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# „Affenliebe“
- URL: https://hagen.ghost.io/affenliebe/
- Published: 2026-10-21T16:43:11.000Z
- Updated: 2026-10-22T05:07:02.000Z
- Author: Hagen Felix Piotraschke
- Tags: Zivilisation

*„Bei Barthes steht:* 
*»*Jede Berührung stellt dem Liebenden das Problem der Reaktion: von der Haut wird verlangt, daß sie reagiert.*«*

*Ich gebe Fremden nicht gern die Hand, ertrage vollgestopfte Trams und unabsichtlichen Kontakt beim Konzert kaum. Heute spüre ich manchmal, welche Berührungen ich selten erlebt habe, weil sie mir besonders intensiv vorkommen. Als wären Körper und Geist währenddessen nicht ganz im Einklang. Wenn ich eine Oma auf die Wange küsse und mich sofort fremd in meiner Haut fühle, als spielte ich eine Szene in einem Film. Wenn der Kuckucksvater mit mir für ein Foto posiert, die rechte Hand auf meinen Haaren, in die Kamera grinsend, während ich die Augen geschlossen halte und mir alles daran unecht vorkommt, wie in einer Werbung. Wenn ich meinen Neffen auf dem Schoß habe und er mir mit seinen weichen Fingerwürmchen ans Kinn greift und ich ihn aus Trotz vor der Befremdung küsse. Als müsste ich alles nachstellen und üben.* 
*Wenn ich aber jemanden romantisch liebe, liebe ich körperlich überschwänglich, verspielt. Ich habe Hauthunger. Ich schlinge Arme und Beine um den anderen, sauge an Ohrläppchen, Ellenbogen, verschränke Zehen ineinander. Meine Werkzeuge sind Finger, Schoß, Zähne, Zunge. Wärme, Spucke, Schweiß. Dann ist mir nichts nah genug, nichts eklig, nichts peinlich.* 
*Lange habe ich mich dafür geschämt und mich verstellt, mich zurückgehalten, um nicht zu viel zu sein.* 
*Aber dann begriff ich, dass dies die einzige Art zu lieben war, die ich mir selbst beigebracht hatte, und dass ich ohne ihren Einsatz nicht alles bekommen würde, was ich mir wünschte.* 
*Also setzte ich mich ein.* 
*So merkwürdig es klingen mag, geht es mir nicht um eine Verschmelzung oder Symbiose mit dem anderen, sondern um die Oberflächen unserer Körper aufeinander, nicht ineinander. Als wollte ich weiter werden, nicht eins. Immer wieder neue Orte entdecken, die ich noch nicht gefühlt habe, immer wieder überrascht werden.* 
*Selbst »a boundless place« werden.* 
*Nie vernachlässige ich beim Lieben die körperliche Dimension.* 
*Eine Berührung zeugt nicht nur davon, dass der andere existiert, sondern auch man selbst.*

*\[...\]*

*Meine Aufgabe ist, dich genau zu beobachten, dich mit meinen Augen zu betasten, als wärst du nackt. Meine Aufgabe ist, das zu finden, was du verstecken könntest. Der Blick einer Beobachtenden lebt davon, das Gesehene sofort zu reflektieren, einzuordnen, ins Verhältnis zu setzen. Dadurch weitet sich ihr Blick, dringt in die nächste Schicht vor.* 
*In einer Doku über feministische Filmtheorie sagt die französische Filmemacherin Agnès Varda: Die erste feministische Geste ist zu sagen: »Okay, die schauen mich an. Aber ich schaue sie an.«*

*Zu entscheiden, zurückzuschauen, zu entscheiden, dass die Welt nicht dadurch definiert wird, wie Menschen mich sehen, sondern wie ich sie sehe. Gleichberechtigtes Sehen ist, wenn beide ihre Sicht reflektieren. Ich wünsche mir deinen Blick, ersehne, dass du mich erkennst und willst.* 
*Aber du siehst nicht, dass auch ich eigentlich nackt bin, haarlos.* 
*Vielleicht schreibe ich eine Verführung.*

*\[...\]*

*Dich zu berühren, heißt Hoffnung haben, dich durch einen Spalt zu sehen, in dem Bewusstsein, dass es verboten ist. Der Reiz, dich zu berühren, liegt also darin, die Unterbrechung beenden zu wollen, das aber nie zuzulassen. Was bedeutet, die Unterbrechung zu schützen.* 
*Wenn ich dieser Hoffnung aber nicht die Erfüllung der Sehnsucht entgegensetzen darf, worin liegt das Ziel?* 
*Dich im Schreiben zu suchen, macht dich zum Geist, direkt vor meinen Augen, doch unberührbar.* 
*Aber ich habe keinen anderen Weg, wir befinden uns in verschiedenen Sphären, und ich muss mich näher und näher an dich heranschreiben.* 
*Ich sammle die Hoffnung wie in einer Regentonne und gieße sie, wenn die Tonne überläuft, in den Text.“*

Lara Rüter (aus: „*Affenliebe*“, Hanser Verlag, 2026)

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In einem Deutschland, dem anscheinend schon wieder eine Geschichtsepoche der im Machtrausch bejubelten Erbarmungslosigkeit bevorsteht, ein nationales Erwachen auf den Säulen der sieben Todsünden, ist es eine ganz besondere Wohltat, so kluge und berührende Worte über die unschuldig animalische Liebe lesen zu dürfen.

Bereits im Frühjahr erschienen, zeitgleich zum Lesen und Hören, letzteres etwas über acht Stunden lang und in schönster Klarheit eingesprochen von Nora Schulte.

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[Affenliebe»So erstaunlich, wie aus der Betrachtung der Primaten eine Selbstbefragung wird, die in die intimsten Sphären der eigenen Existenz vordringt.« Charlotte Gneuß![](https://storage.ghost.io/c/66/0c/660c9b80-e8f0-40f5-b8af-97df820adf6f/content/images/icon/favicon-fef78ff3-859d-4e3d-bf5d-4ec562bc1a9c.ico)Hanser LiteraturverlageLara Rüter![](https://storage.ghost.io/c/66/0c/660c9b80-e8f0-40f5-b8af-97df820adf6f/content/images/thumbnail/ARTK_CT0_9783446284531_0001-ab4dbfb5-6f73-4a9d-8f58-db1d64203680.jpg)](https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/lara-rueter-affenliebe-9783446284531-t-5854?ref=hagen.ghost.io)

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[Lara Rüter: AffenliebeIm Alltag mit den Affen drängt sich immer wieder dieselbe Frage auf: Wie fühlt es sich an, ein Mensch zu sein? Schwebend vor Gedichtzitaten, Wissenschaftsfragen und Momenten am Gehege zeigt dieser bahnbrechende Essay, wie Schreiben die Welt verändert.![](https://storage.ghost.io/c/66/0c/660c9b80-e8f0-40f5-b8af-97df820adf6f/content/images/icon/favicon-0316bec1-457d-4012-b9f5-648fb920ba28.png)BUCHFUNK![](https://storage.ghost.io/c/66/0c/660c9b80-e8f0-40f5-b8af-97df820adf6f/content/images/thumbnail/image-e42f68a0-8717-49f0-802c-d683a54d898a.jpg)](https://www.buchfunk.de/affenliebe/?ref=hagen.ghost.io)

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