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„Pity the world“

Zeichnung von Hannelore Piotraschke: Pastellkreide auf Leinen, 28 x 16 cm, 1996
Hannelore Piotraschke: Pastellkreide auf Leinen, 28 x 16 cm, 1996

„From fairest creatures we desire increase,
That thereby beauty's rose might never die,
But as the riper should by time decease,
His tender heir might bear his memory;

But thou, contracted to thine own bright eyes,
Feed'st thy light's flame with self-substantial fuel,
Making a famine where abundance lies,
Thyself thy foe, to thy sweet self too cruel.

Thou that art now the world's fresh ornament
And only herald to the gaudy spring,
Within thine own bud buriest thy content,
And, tender churl, mak'st waste in niggarding.

Pity the world, or else this glutton be,
To eat the world's due, by the grave and thee.“

William Shakespeare: Sonnet 1

Shake-speares Sonnets, Never before Imprinted/Sonnet 1 - Wikisource, the free online library

„Vom schönsten Wesen wünschen Zuwachs wir,
Damit der Schönheit Rose bleibe ewig jung,
Und wenn der Reifre einstens schied von hier,
Sein Erb’ ihm wahre die Erinnerung.

Doch du, beschränkt auf deinen Flammenblick,
Nährst durch den eignen Brand der Flamme Gluth,
Und bringest Noth in üpp’ger Fülle Glück,
Du selbst dein eigner Feind in seltner Wuth.

Du, der jetzt frischen Schmuck der Welt verleiht,
Der einz’ge Herold von des Frühlings Reiz,
Begräbst in eigner Knospe Selbstzufriedenheit,
Und – zarter Jüngling! – du verschwendst durch Geiz.

Der Welt erbarm’ dich, sonst schlingst du hinab,
Was ihr gebührt, durch dich und durch dein Grab.“

Übersetzung von Ludwig Reinhold Walesrode unter dem Pseudonym Emil Wagner (William Shakspeare's sämmtliche Gedichte. J. H. Bon, Königsberg, 1840)

William Shakspeare's sämmtliche Gedichte – Wikisource

„Von schönsten wesen wünscht man einen spross
Dass dadurch nie der schönheit rose sterbe:
Und wenn die reifere mit der zeit verschoss
Ihr angedenken trag ein zarter erbe.

Doch der sein eignes helles auge freit
Du nährst dein licht mit eignen wesens loh ·
Machst aus dem überfluss die teure-zeit ·
Dir feind und für dein süsses selbst zu roh.

Du für die welt jezt eine frische zier
Und erst der herold vor des frühlings reiz:
In eigner knospe gräbst ein grab du dir
Und · zarter neider · schleuderst weg im geiz.

Gönn dich der welt! Nicht wie ein schlemmer tu:
Esst nicht der welt behör · das grab und du!“

Übersetzung von Stefan George. (in: Shakespeare. Gesamt-Ausgabe der Werke. Band 12, Berlin 1931)

George, Stefan, Gesamtausgabe der Werke, Shakespeare. Sonnette, I
Literatur im Volltext: George, Stefan: Shakespeare. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 12, Berlin 1931, S. 7-8.: I

„Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt,
daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe,
und welkt sie durch die Zeit, daß unverletzt
im schönen Sproß das Schöne auferstehe.

Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden,
du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze,
du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden,
der dir im Vollbesitz mißgönnt das Ganze.

Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz,
des Frühlings Herold, der mit vollen Händen
versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz,
dich endlich in dir selber zu verschwenden.

Gewähre dich der Welt, der zugehört
die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt.“

Nachdichtung von Karl Kraus (1932-1933)

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„Wir möchten, dass das Schönste sich vermehrt,
die Rose Schönheit darf uns nie vergehen.
Wenn eine Blüte welkt, soll unversehrt
die Schönheit noch im neuen Trieb bestehen.

Du aber bist so in dich selbst verliebt,
dass nur vom eignen Wachs die Flamme scheint
und sich verzehrt, wo's Überfluss doch gibt.
So grausam machst du dich zum eignen Feind.

Du bist gedacht als Zier der Welt, du lebst
als Bote, kündest von des Frühlings Reiz!
Wenn du in deiner Knospe dich begräbst,
verschwendest, süßer Kerl, du dich im Geiz.

Gib Nahrung dieser Welt, der du gehörst,
statt dass du sündig dich nur selbst verzehrst.“

Übersetzung von Markus Marti (Universität Basel, 2005)

Shakespeare Sonette / Shakespeare's sonnets/ Shakespeares Sonette 1- 75, übersetzt von Markus Marti