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„Situation und Konstellation“

Titelbild des Hörbuchverlags zu „Situation und Konstellation“ von Hartmut Rosa
Titelbild des Hörbuchverlags zu „Situation und Konstellation“ von Hartmut Rosa

Das Stöbern im Sortiment des — bisher für mich noch völlig unbekannten — Hörbuchverlags cc-live erwies sich als Kopfsprung in eine Goldgrube, hier jedoch ohne jegliches Risiko einer Hirnverletzung.

Ausgangspunkt dabei war der Suchbegriff Axel Wostry, der offenbar als Haus- und Hofsprecher dieses Verlags tätig ist.

Welch ein Segen, für den Verlag ebenso wie für mich. 🤗

Zum Inhalt nur dies: Dass dieses zu Jahresbeginn erschienene Buch sodann auch „Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste (WELT/NZZ/rbbKultur/Ö1)“ einheimsen konnte, verwundert kaum.

Etwas irritierend für mich lediglich die — naturgemäß im Jahr 2026 bereits sehr zahlreichen — Bezüge des Autors auf jene ominöse „KI“, von der man nach seinen Worten annehmen könnte, sie wäre absolut deterministisch, obwohl ihre Ergebnisse doch nur probabilistisch sind. 😦




„Ich möchte in diesem Buch aufzeigen, wie umfassend und wie tiefgreifend diese Veränderung des Charakters unseres Handelns ist.

Umfassend ist sie deshalb, weil sie nahezu alle Handlungsbereiche betrifft: die Art, wie wir Dinge herstellen ebenso wie die Art, wie wir sie konsumieren, die Formen, in denen wir miteinander professionell und privat interagieren ebenso wie die Weisen, in denen wir spielen oder musizieren oder versuchen, kreativ zu sein.

...

Tiefgreifend ist die Veränderung, weil sie die Art und Weise, wie wir in die Welt gestellt sind, wie wir tätig in sie eingreifen und uns als selbstwirksam erfahren, aber auch, wie sie uns entgegenkommt und uns berührt, grundlegend transformiert.

Mit den Worten meines Jenaer Kollegen Lambert Wiesing gesprochen könnten wir sagen, unsere Weltbeziehung verwandelt sich von einer primär »malerischen«, in der es überall Interpretations-, Wahrnehmungs- und Handlungsspielräume – und damit auch entsprechende Uneindeutigkeiten – gibt, in eine primär »lineare«, in der es klar getrennte Optionen, vorgezeichnete Entscheidungsvollzüge und daher luzide Eindeutigkeit gibt.

In ähnlicher Weise hat auch Thomas Bauer jüngst die Vereindeutigung der Welt und einen damit einhergehenden Verlust an Ambiguitätstoleranz und Vielfalt konstatiert.

...

Enden möchte ich dann mit einem versuchsweisen Vorschlag, Handlungsspielräume auf allen Ebenen des sozialen Lebens zurückzugewinnen, sie einander zuzugestehen, ohne darüber das Projekt der Moderne aufzugeben.

Kultur, so stellte einst Hans Blumenberg fest, entstehe durch das Gehen von Umwegen; die »vermeintliche Lebenskunst« der gradlinigen Verbindung zwischen zwei Punkten aber führe in die Barbarei.

Die konstellative Handlungslogik, so werde ich zu zeigen versuchen, legt es geradezu darauf an, alle Umwege zu beseitigen.

[...]

Denn wenn an die Stelle menschlichen Urteilens und erfahrungsbasierten Handelns agentielles Vollziehen tritt, das in der Tat von Robotern und Instrumenten der KI besser, schneller, zuverlässiger und genauer als von Menschen geleistetwerden kann, verschwinden die Ermessensspielräume, verkümmert die Urteilskraft und wird die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert.

Wie ich in Kapitel VII zeigen möchte, ändert sich damit aber auch die Art unseres In-der-Welt-Seins, weil sich unser Aufmerksamkeitsfokus, das heißt das, was wir an der Welt und im Leben wahrnehmen, und unsere Willensstruktur, also das, was wir in der Welt und im Leben wollen und anstreben, verschieben.

Ein besorgniserregender Nebenaspekt dieser Verschiebung ist die Erosion der Handlungsenergie.

Menschen fühlen sich lebendig, motiviert, selbstwirksam und, ja, glücklich, wenn sie handeln können (indem sie beispielsweise einen zweiten Burger ausgeben, im Einzelfall auf die Strafgebühr im Zug verzichten, weil der Passagier eine plausible Erklärung für seine Ticketlosigkeit hat, usw.); unglücklich, frustriert, ohnmächtig fühlen sie sich hingegen, wenn sie keine Handlungs- und Ermessensspielräume haben.

[...]

Indessen wäre es zu einfach, die hier zur Diskussion stehende Grundtendenz einfach als kulturelle Fehlentwicklung abzutun.

Denn es gibt überwältigend gute Gründe dafür, zumindest in Handlungskontexten im öffentlichen Raum auf konstellative Entscheidungen und nicht auf pure Urteilskraft zu setzen.

Ich werde darauf in Kapitel II zurückkommen.

Dennoch, so will ich zeigen, könnte es sein, dass der Verlust der Handlungsspielräume und damit der Handlungsfähigkeit zum individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft führt.

Er könnte mitverantwortlich sein für jene Symptome, die wir als Anzeichen individuellen und kollektiven Burnouts interpretieren können.

Ebendeshalb will ich am Ende des Buches, in Kapitel IX, für die Rehabilitierung menschlicher Urteilskraft und (kreativer) Handlungsfähigkeit auf allen Ebenen der sozialen Existenz plädieren.“


Situation und Konstellation. Buch von Hartmut Rosa (Suhrkamp Verlag)
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