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„Natürliche Intelligenz“

Teilabbildung des Bucheinbands von „Natürliche Intelligenz und Bewusstsein in Zeiten von KI“
Teilabbildung des Bucheinbands

„Eine besonders grundlegende Form geistiger Prozesse betrifft das Körperinnere: Ich werde sie als den Fühlenden Geist bezeichnen und weise darauf hin, dass er ständig komplizierte Gefühle erzeugt, die den Zustand unseres Inneren beschreiben. Wie zuvor erwähnt, werden solche Gefühle auch als homöostatisch bezeichnet, weil sie vor allem die Aufgabe haben, uns bei der Regulation des Lebens, auch Homöostase genannt, zu unterstützen.

Sehr oft werden die homöostatischen Gefühle aber durch die Produkte eines anderen grundlegenden geistigen Prozesses beiseite geschoben: des Wahrnehmenden Geistes.

Das Beiseiteschieben ist aber mehr Schein als Wirklichkeit.

Die homöostatischen Gefühle werden auch weiterhin produziert, nur richten wir unsere begrenzte Aufmerksamkeit jetzt auf das, was wir außerhalb unseres Körpers wahrnehmen.

Der Wahrnehmende Geist ist die Multimediashow mit Menschen, Orten, Gegenständen und Ereignissen, die uns als fortlaufende, üppige Produktion umgeben. Die führenden Mitspieler in der Üppigkeit sind Sehen, Hören, Tasten, Geruch und Geschmack.

Wenn wir beiläufig vom »Geist« reden, meinen wir damit häufig die natürliche Kombination dieser beiden grundlegenden Prozesse: des Fühlenden Geistes und des Wahrnehmenden Geistes.

Wenn wir uns nur mit zwei Formen des Geistes auseinandersetzen müssten, wäre alles einfacher, aber im Zusammenhang mit dem Geist ist nichts einfach, und so stellt sich heraus, dass wir noch mehr bewältigen müssen. Wir müssen weitere Formen geistiger Prozesse beschreiben.

Den ersten bezeichne ich als den denkenden, Reflexiven Geist: Er besetzt unseren mentalen Raum, wenn wir plötzlich von der Aufmerksamkeit für unsere Umgebung — über die Wahrnehmungsprozesse — zu anderen Dingen wechseln:

(a) zu unseren Gedanken über das, was in dieser Umgebung gerade abgelaufen ist, oder

(b) zu der Frage, in welchem Verhältnis solche Überlegungen zu dem stehen, was wir bei anderen Gelegenheiten schon erlebt haben, oder

(c) zu dem Geist, den wir schweifen lassen und kreativ neue Gegenstände, Tätigkeiten oder Situationen erzeugen. Die zweite Form geistiger Prozesse ist eher konventionell.

Sie führt uns von dem abgelenkten, schweifenden Geist weg und hin zu konzentrierten Überlegungen und dem Aufbau neuer Ideen.

[...]

Der Geist ist ein vollendeter Spielplatz, ein seltsamer Ort, erzeugt durch die Partnerschaft eines Körpers mit seinem Nervensystem, der Ort, an dem das Universum mit seinen Eigenschaften und Abläufen beschrieben wird. Geist besteht aber auch aus biologischen Prozessen, durch die Subjektivität und Bewusstsein ins Dasein treten und einen subjektiven, erlebenden, bewussten Geist schaffen.

Hinter dem, was wir üblicherweise als »Geist« bezeichnen, laufen mehrere Stränge und Formen geistiger Prozesse ab. Sie sind so eng verwoben, dass man ihre unterschiedlichen Ursprünge, Methoden und Leistungen kaum bemerkt. Damit unser Leben normal und produktiv ablaufen kann, müssen sie zusammenwirken, aber ihre charakteristischen Beiträge können wir nur dann verstehen, wenn wir uns bemühen, sie zu trennen und einzeln zu beobachten.

[...]

Was dabei bemerkenswert ist: Alle Prozesse des Reflexiven Geistes erfahren eine wichtige Verstärkung in Form einer mehr oder weniger vollständigen Übersetzung der von ihm hervorgebrachten Gedanken: Dabei werden nicht nur die Namen aller Menschen, Dinge und Tätigkeiten unter der Sonne übersetzt, sondern hinzu kommen auch die vielen »Wenns«, »Unds«, »Abers« und »Vielleichts«, welche die mit solchen Worten verbundenen Ideen logisch und grammatikalisch verbinden.

Bemerkenswert ist dabei, dass alle diese automatischen Übersetzungen in sämtlichen Sprachen stattfinden, die man beherrschen kann!

Deshalb kann man Wahrnehmungen unserer Umgebung, Reflexionen über das Wahrgenommene und parallele sprachliche Übersetzungen aller Gegenstände, Tätigkeiten und Eigenschaften, die wir vor uns haben, bequem mit einem zusammengesetzten Begriff bezeichnen: dem Wahrnehmenden/Reflexiven/Linguistischen Geist.

[...]

Zusammenfassend kann man sagen: Wenn wir die mentalen Unternehmungen des Gehirns verstehen wollen, müssen wir mehrere bemerkenswert unterschiedliche Prozesse betrachten. Der erste, der Fühlende Geist, befasst sich mit den Lebensprozessen, die innerhalb unseres Körpers ablaufen. Der Lebensprozess wird ständig von Gefühlen begleitet, die jedes Ereignis sofort einordnen und in einem affektiven Spektrum als positiv, negativ oder irgendwo dazwischen beurteilen. Was dabei seltsam ist: Wegen ihrer erstaunlich einflussreichen Stellung in den Geistesprozessen bewerten Gefühle ständig auch alles andere, was sich ansonsten im Geist abspielt. Unsere Denkprozesse und ihre Inhalte sind zwangsläufig vom ständigen Chor der Gefühle begleitet.“

Antonio Damasio (aus: „Natürliche Intelligenz und Bewusstsein in Zeiten von KI“)


Höchste Zeit, der inflationären Fehlallokation solcher zentralen Zivilisationsbegriffe wie Bewusstsein und Intelligenz diese kundige Stimme entgegensetzen zu können.

Von zentraler Bedeutung dabei: die sogenannten homöostatischen Gefühle (Daseinsgefühle, Affekte usw.), ohne die es eben weder Bewusstsein noch Intelligenz gäbe.


Natürliche Intelligenz und Bewusstsein in Zeiten von KI
Von einem der weltweit führenden Neurowissenschaftler: Das unentbehrliche Standardwerk für das Verständnis von Natürlicher Intelligenz und Bewusstsein Kein Thema unserer

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António R. Damásio – Wikipedia

Homöostase – Wikipedia