„Lob des Analphabeten“
„Ach ja, die Frage, ob Sie einen Anachronismus ausgezeichnet haben – fast hätten wir sie vergessen! Nun, was die Literatur angeht, so ist sie, glaube ich, von den Veränderungen, die ich angedeutet habe, weniger betroffen, als es scheinen könnte. Sie war im Grunde immer eine minoritäre Angelegenheit. Wahrscheinlich ist sich die Zahl derjenigen, die mit ihr leben, im Lauf der letzten zwei Jahrhunderte relativ gleichgeblieben. Nur ihre Zusammensetzung hat sich verändert. Es ist längst kein Standesprivileg, aber auch kein Standeszwang mehr, sich mit ihr zu befassen. Der Sieg des sekundären Analphabetismus kann die Literatur nur radikalisieren: Er führt einen Zustand herbei, in dem nur noch freiwillig gelesen wird. Wenn sie aufgehört hat, als Statussymbol, als sozialer Code, als Erziehungsprogramm zu gelten, dann werden nur noch diejenigen die Literatur zur Kenntnis nehmen, die es nicht lassen können.
Das mag beklagen, wer will. Ich habe keine Lust dazu. Auch das Unkraut ist schließlich eine Minderheit, und jeder Stadtgärtner weiß, wie schwer es auszurotten ist. Die Literatur wird weiterwuchern, solange sie über eine gewisse Zähigkeit, eine gewisse List, die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, einen gewissen Eigensinn und ein gutes Gedächtnis verfügt. Sie erinnern sich: Es sind dies die Eigenschaften des wahren Analphabeten. Vielleicht ist er es, der das letzte Wort behalten wird. Denn er braucht kein anderes Medium als eine Stimme und ein Ohr.“
Hans Magnus Enzensberger
Als ich kürzlich - zufällig, ganz nebenbei und erstmalig nach vielen Jahren - dem von Hans Magnus Enzensberger geprägten Begriff des „sekundären Analphabetismus“ wiederbegegnet bin, war es wie ein Geistesblitz.
Enzensberger, mein Held, das intellektuelle Idol meiner Jugendjahre in der DDR.
Einer, der den bei sich Herrschenden stets den allerklügsten Stinkefinger zeigen konnte, und den bei mir Herrschenden erst recht.
Er, für dessen in der erstbesten Westberliner Buchhandlung vorrätige Bücher ich nach dem Mauerfall nahezu all mein Begrüßungsgeld ausgab, pries bereits 1985 in seinem „Lob des Analphabeten“ jene aussterbende Gattung, die tatsächlich gar nicht lesen und schreiben kann - doch wohlgemerkt nur in Abgrenzung zur Mehrheit der neuartigen Analphabeten.
Enzensberger konnte damals nicht erahnen, wie die heutige Realität der oft nur als „KI“ bezeichneten Sprachmodelle mit Chat-Benutzerschnittstelle beschaffen sein würde.
Doch hat er gleichwohl schon den dafür geeigneten - oder hiervon geformten - Menschenschlag zu skizzieren vermocht.
Und während ich, trotz längerer Suche, das „Lob des Analphabeten“ zunächst noch nicht im Volltext finden konnte und mich bereits in die Notwendigkeit zu fügen begann, selbst einige Erläuterungen zu jenem Typus des „sekundären Analphabeten“ im LLM-Zeitalter zu formulieren, war der Zufall noch einmal gnädig und spielte mir zu, wie dies Clemens J. Setz erst kurz zuvor so unübertrefflich beschrieb:
„Ein sekundärer Analphabet kann Buchstaben und Wörter entziffern und seinen eigenen Namen schreiben, aber sinnerfassendes Lesen und das Verfassen längerer Texte sind ihm vollkommen fremd, ja sogar verächtlich. Für all das bräuchte er Hilfe. »Er hat es gut«, schreibt Enzensberger, »denn er leidet nicht unter dem Gedächtnisschwund, an dem er leidet; dass er über keinen Eigensinn verfügt, erleichtert ihn; dass er sich auf nichts konzentrieren kann, weiß er zu schätzen; dass er nicht weiß und nicht versteht, was mit ihm geschieht, hält er für einen Vorzug. Er ist mobil. Er ist anpassungsfähig. Er verfügt über ein beträchtliches Durchsetzungsvermögen. Wir brauchen uns also keine Sorgen um ihn zu machen.«
Gegen diese negative Figur setzt Enzensberger den »wahren« Analphabeten, der nicht einmal Buchstaben entziffern kann, in gewisser Weise aber viel literarischer operiert. Denn er verfügt, anders als der sekundäre, notgedrungen über ein enormes Gedächtnis, ein auf Feinheiten geschultes Ohr, eine beneidenswerte Sturheit und natürlich die Fähigkeit, sich vollkommen zu konzentrieren. Auf ihn geht, nicht zuletzt, ja auch die Erfindung der Lyrik zurück. Reime, Rhythmus, Lied, gebundene Sprache, all das sind Erfindungen schriftloser Kulturen. Die Eigenschaften des wahren Analphabeten sind also, laut Enzensberger, identisch mit den Tugenden der Poesie, wodurch die Poesie wiederum als die hinterrücks ins Schriftuniversum eingeschlichene Schläue des wahren Analphabeten erkennbar wird.“

