„Die taumelnde Welt“
„Im Januar 2019 stellten Wissenschaftler fest, dass sich die Ozeane der Erde um 40 Prozent schneller erwärmten, als bisher angenommen worden war.
»Wir haben jetzt tatsächlich unbekanntes Terrain betreten«, sagte der Direktor der Weltorganisation für Meteorologie im Frühjahr 2017, nachdem Daten endgültig bewiesen hatten, dass das Vorjahr alle Hitzerekorde gebrochen hatte.
Die Werte hatten die Skalen gesprengt.
In jenem Sommer hatte sich ein atlantischer Hurrikan so weit östlich entwickelt wie noch nie zuvor. Anstatt Mexiko, Louisiana oder Florida zu verwüsten, tobte er sich über Irland und Schottland aus. Die Sturmprognose sah auf den digitalen Karten der US-Wetterbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration eigenartig aus: Die Windhose hielt abrupt auf einer geraden Linie bei 60 Grad nördlicher Breite an – die Programmierer der Vorhersagemodelle hatten es nicht für möglich gehalten, dass ein Hurrikan diese Linie erreichen würde.
»Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Ort für einen tropischen Wirbelsturm«, sagte einer von ihnen. »Vielleicht sollten wir diese Grenze noch einmal überprüfen.«
Ja, vielleicht sollten sie das.
Wenn man einem kräftigen Mann einen kräftigen Schubs gibt, passiert in aller Regel nicht viel (außer, dass er dann wahrscheinlich ein bisschen sauer ist). Zu Beginn der globalen Erwärmung wussten wir nicht, wie widerstandsfähig der Planet ist. Vielleicht konnte man ihn ziemlich fest schubsen, ohne dass viel geschah.
Die Erde macht ja durchaus einen robusten Eindruck: Ihre Eisschilde sind mehrere Kilometer dick, ihre Ozeane mehrere Kilometer tief. Aber eines haben die letzten dreißig Jahre eindeutig gezeigt: Der Planet war tatsächlich fein ausbalanciert, und der Schubs, den wir ihm gegeben haben, hat ihn ins Taumeln versetzt.
Dabei erleben wir gerade erst die Anfänge der globalen Erwärmung, und die Lage wird sich in Zukunft unvermeidlich immer weiter verschärfen.“
Bill McKibben (aus: „Die taumelnde Welt“)
„Das Spiel der Menschheit folgt keinen Regeln und hat kein Ziel, aber es setzt zwei Dinge zwingend voraus: Es muss weitergehen. Und es muss menschlich bleiben.“
Wie mein Lieblingswissenschaftler Edward O. Wilson („Des Lebens ganze Fülle – Eine Liebeserklärung an die Wunder der Natur“) ein US-Amerikaner mit großem Verstand für die zwingende Logik der Naturgesetze, einem mindestens ebenso großen Herz für eine innige Liebe zu unserem unersetzlich schönen Heimatplaneten und dazu noch der seltenen Gabe, dies alles mit berührenden Worten aufzuschreiben.
Von Meister Wilson konnten aus Altersgründen irgendwann keine neuen Bücher mehr erscheinen.
Bill McKibben, der bereits 1989 mit „Das Ende der Natur“ für weltweites Aufsehen sorgte, ließ nun 30 Jahre später ein vergleichbar monumentales Werk folgen, ebenso von höchster inhaltlicher Dichte geprägt wie auch von bezaubernder sprachlicher Schönheit.
Was im vorigen Jahrtausend noch so fern erschien (K'I' etc.), ist nun überaus rasante Realität geworden und schickt sich an, das „Spiel der Menschheit“ auf ganz eigene Weise zu verändern – und vielleicht auch an seinem tragischen Ende mitzuwirken.
Es ist eine einzige Freude des Geistes, sich den Blick von Bill McKibben weiten zu lassen, trotz der damit so deutlich ins Blickfeld geratenden düsteren Aussichten.

