„Babylon Berlin“
„Sie schlief noch, er hörte ihr gleichmäßiges Atmen und sah, wie sich die Bettdecke kaum merklich hob und wieder senkte.
Draußen wurde es schon hell, die Morgensonne malte kleine Streifen auf die grüngoldene Tapete über dem Waschtisch, und von der Straße drangen die ersten Geräusche des Tages hinauf in ihr kleines Zimmer. Er richtete sich auf, stützte seinen Kopf auf den Unterarm und betrachtete ihr Profil, diese elegante Linie, die Lippen, Nase und Stirn bildeten und von der er am liebsten einen Scherenschnitt hätte anfertigen lassen. Hatte er aber nicht, er hatte ja nicht einmal ein Foto von ihr. Durfte es nicht haben.
Deswegen nahm er sich nun Zeit und betrachtete die feinen Härchen auf ihrer Haut, die in der Sonne leuchteten. Er konnte sich nicht helfen, er war völlig überwältigt von diesem Moment, von ihrem Anblick, vom Duft ihrer Haut. Das ganze Bett war davon erfüllt, und er überlegte ernsthaft, ob er die Bettwäsche nicht aus dem Hotel schmuggeln sollte, um sich diesen Duft so lang wie möglich zu bewahren.“
Volker Kutscher (aus: „Rath“, Piper Verlag, München 2025)
Kein Hysteriker ist zu lächerlich, um nicht trotzdem als Diktator reüssieren zu können. Es kommt lediglich auf die Intensität und Dauerhaftigkeit seines Wahns an ― und die begünstigenden Umstände seines historischen Augenblicks.

Welches »Scheusal« (Thomas Mann, zur Beschreibung Hitlers) als Invidia der Sieben Todsünden mit genügendem Wahn in heutigen Umständen aufzukeimen vermag, ist noch nicht absehbar, sehr wohl hingegen bereits das Potenzial solcher Erfolgsfaktoren.

Schon die vorherigen Staffeln von Babylon Berlin gingen mit ihren literarischen Wurzeln relativ frei um, die soeben veröffentlichte fünfte und letzte jedoch nun noch viel mehr.
Damit gelang ihren Schöpfern ein beinahe unmögliches Meisterstück: Filmkunst auf höchstem Niveau, gleichzeitig jedoch auch eine Warnung an das heutige Deutschland, die jeder Zuschauer auf Anhieb verstehen kann.
Verstehen muss.
Absolut empfehlenswert.
P. S.: Für mich noch völlig neu: die Geschichte zu Hitlers Krankenakte vom ersten Weltkrieg, als tatsächliches Geschehen bereits ein deutlicher Auftakt des späteren Wahns.


P. P. S.: Das obenstehende Bild zeigt eine Ausschnitt der Schlussszene, in der Gereon Rath seiner geliebten Charlotte Ritter einen Abschiedsbrief schreibt, der Zeit mit ihr gedenkend „in einer Stadt, die es nicht mehr gibt - Unser Berlin“, bevor die letzte Folge der letzten Staffel dieser Serie mit einer Luftaufnahme des völlig zerstörten Regierungsviertels vom Frühsommer 1945 endet.




