„Die sieben Todsünden“
„Die Grundelemente, mit deren Hilfe Hitlerdeutschland seine zerstörerischen Kräfte entfaltete, sind altbekannt und finden sich zum Beispiel in dem 1933 von Otto Dix gemalten Kommentar – in dem Gemälde »Die Sieben Todsünden«.
Tückisch und misstrauisch schielend, gelb vor Neid (Invidia) hockt das »Scheusal«, wie Thomas Mann Hitler nannte, im Zentrum des Bildes auf der raffgierigen, vermeintlich ewig zu kurz gekommenen Hässlichkeit Geiz (Avaritia).
Links lauert ein germanisch behörnter Wüterich, den Dolch zum Stoß gegen jeden noch so harmlosen Widersacher erhoben: Er verkörpert den Zorn (Ira) – »die rachsüchtige, kreuzigende Kreatur aller Zeiten«, wie Ernst Bloch (1885-1977) in seinem Aufsatz »Hitlers Gewalt« die eigenen Münchner Erfahrungen mit Revolutionen, Putschversuchen und Konterrevolutionen 1924 zusammenfasste.
Dahinter steht die ewig gleichgültige, anpassungsgeübte, gedankenfaule Trägheit (Accidia), das Volk, dargestellt als todbringender Sensenmann: die Augenhöhlen leer, die linke Brust aufgerissen, statt des pulsierenden Herzens klafft dort ein Loch, bewohnt von einer Kröte.
Hitler bezeichnete den von ihm gelenkten, für den Erhalt seiner Herrschaft so wichtigen Hauptteil seines Volkes als »Masse der Mitte« (Kapitel VII.1).
Die drei sichtbaren Gliedmaßen der opportunistisch tänzelnden, blick- und richtungslosen Accidia sind eher halbherzig zum schlapp angedeuteten Hakenkreuz formiert, die Hände mit weißen Handschuhen vor Blut geschützt.
Wer im tödlichen Geschäft so viel Umsicht walten lässt, wird seine Hände hernach in Unschuld waschen, sich und allen anderen weismachen wollen, man sei stets sauber geblieben und habe von allem nichts gewusst.
Neben den Bösewichten naht mit geöffneten, rötlich vaginalisch ausgeformten Schenkeln einladend die Wollust (Luxuria).
Lüstern, am Mund mindestens ein syphilitisches Geschwür, lockt sie zum schnellen, die Folgen ignorierenden Genuss.
Oben rechts über der luziferischen Szenerie thront die selbstsüchtige Völlerei (Gula).
Unersättlich in sich hineinfressend, das Maul weit aufgerissen, grapscht sie nach allem und jedem, kann niemals genug vom Arisieren und Rauben kriegen.
Links daneben die Superbia (der Hochmut), eine betont hochnäsig dargestellte Person unbestimmten Geschlechts und sozialen Rangs, die sich als besonders gelungenes Exemplar des arischen Edelvolkes dünkt. In ihrem Gesicht prangen Ausschläge und Pockennarben, an die Stelle des Mundes malte Dix den Schließmuskel des Afters – ein rassenreines Arschgesicht.
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Es ist irreführend, wenn noch immer von »der Naziideologie« gesprochen wird. Die gab es nicht. Tatsächlich handelte es sich um wechselnde, situativ modifizierte politische Programme. Sie folgten den Grundideen des Machtgewinns und des Machterhalts.
Auch existiert kein genuin nationalsozialistischer Antisemitismus. Jedoch erkannten die Führer der NSDAP früh, wie leicht ihnen der Programmpunkt »Kampf gegen jüdische Vorherrschaft« eine weit über den engeren Kreis ihrer Gefolgsleute hinauswachsende Zustimmung verschaffen würde. Daraus ergab sich später die Möglichkeit, dem Volk auf Kosten erst mit Berufsverboten belegter und dann enteigneter Juden einige Vorteile zu verschaffen.
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Wir werden noch sehen, welche politische Rolle die Wutbürger und die ewigen Neidhammel in Hitlerdeutschland spielten, die schulterzuckenden, trägen Opportunisten, die Raffgierigen, die Hochmütigen, die für jede Bestechung empfänglichen Geizhälse und diejenigen, die den kurzen Freuden militärisch-siegesgewisser Adrenalinausschüttungen und anschließender Besuche im Landserbordell zugetan waren. Selbstverständlich mischten sich die von der NS-Führung zielsicher als Lockmittel genutzten sieben Hauptsünden in jedem einzelnen Deutschen ganz unterschiedlich.
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Einstein veranschaulicht die Wesenszüge des damals in Deutschland vorherrschenden Antisemitismus. Die behäbigen Zuspätkommer definieren sich als herrliche Oberrasse, stufen die Flinken zur Unterrasse herab und behaupten, diese würden ihnen die Lebensgrundlagen rauben. Angeleitet und aufgeputscht von ihrem Führer, wollen sie sich nun – subjektiv in einem Akt der Notwehr – aus dem angeblich von einer kleptokratischen Unterrasse verursachten Elend befreien und sich der stolzen Schnellläufer entledigen.
Wer in (eingebildeter) Notwehr handelt, fühlt sich in der Wahl der Mittel ziemlich frei.
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Anders als der religiös motivierte Antijudaismus konnten die sozial und wirtschaftlich begründeten Vorurteile gegen Juden leicht in die Programmatik politischer Parteien eines demokratisierten Nationalstaats integriert werden.
Adolf Hitler verkörperte den allgemeinen Drang nach sozialem Aufstieg.
Das prädestinierte ihn dazu, einen »völlig neuen Typus moderner Parteien« zu schaffen, wie der Politikwissenschaftler Sigmund Neumann (1904-1962) 1932 schrieb, nämlich eine weder religiös noch sozial oder regional gebundene Volkspartei.“
Götz Aly (aus: „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“, S. FISCHER 2025)
Für die 768 Seiten des bereits 2025 erschienenen Buches bleibt vielen potenziellen Interessenten im Alltag wohl leider kaum die nötige Zeit.
Ein Glück daher das von Omid-Paul Eftekhari in gewohnt erstklassiger Güte eingesprochene und am 20.05.2026 veröffentlichte Hörbuch.
Angesichts des heute leider weithin dominierenden Missverstehens irgendwelcher politischen Programmatiken als primäre Antwort auf diese einzige Frage („Wie konnte das geschehen?“) ist die Fokussierung von Götz Aly auf die soziale Dynamik einer Gesellschaft nun wichtiger denn je, ebenso wie ein erneuter nachdenklicher Blick auf „Die sieben Todsünden“ von Otto Dix.



