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„Sinkende Sterne“

Einband der Taschenbuchausgabe des Romans „Sinkende Sterne“ von Thomas Hettche
Einband der Taschenbuchausgabe

„Ein kalter Wind fuhr mir ins Gesicht und unter das Hemd, als ich die Balkontür öffnete und ins Dunkel hinaustrat. Der See eine opake schwarze Fläche. Ich hielt mich an der Brüstung fest, legte den Kopf in den Nacken, suchte die Sterne über dem Haus, musste an den Falken denken, den ich am Morgen gesehen hatte, und erinnerte mich wieder daran, wie verständnislos Tony Soprano seine Therapeutin ansieht, als sie seufzt:
The falcon cannot hear the falconer. Things fall apart. The centre cannot hold.

Lange habe ich nicht begriffen, dass meine Generation die letzte ist, die im amerikanischen Jahrhundert geboren wurde, dessen Ende Joan Didion in jenem Buch beschreibt, dem sie diese Verse von Yeats voranstellte.

Der Falke hört den Falkner nicht. Die Dinge zerfallen. Die Mitte kann nicht halten.

Das erste Mal im Kino war ich 1977, Star Wars, und als ich dreißig Jahre später, im siebten Teil, den zerstörten Sternenkreuzer aus jenem ersten Kinofilm wiedersah, begriff ich, dass dies die Trümmer meiner Jugend waren, die nun in einer neuen Gegenwart herumlagen. Die Ruinen einer Welt, an deren Zerstörung meine Generation Anteil hat.

Wir haben Schuld an dem, was jetzt geschieht.

Wie fasziniert wir waren von Lyotards Abgesang auf die großen Erzählungen. Wie begeistert wir Nietzsche zitierten, die Wahrheit sei ein Heer von Metaphern. Was uns interessierte, war der Raum von Freiheit jenseits jeder Moral.

Doch die Klugheit des Ästhetizismus ist immer schon auch seine Dummheit gewesen.

Ich leerte die Neige aus der Flasche ins Glas und trank den letzten Schluck. Aber wann, fragte ich mich, ist meine Jugend, ohne dass ich es überhaupt bemerkt hätte, denn zu Ende gegangen? Vielleicht in jener Silvesternacht des Jahrtausendwechsels in Rom, es war warm, der Ocker der Häuser glomm, und ich war sechsunddreißig Jahre alt. Einzig besorgte uns, die Computer könnten durch Programmierfehler Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung haben. Das Pantheon im Lachen der Menschen aus ganz Europa, das bald eine gemeinsame Währung einführen würde.

Nichts wussten wir von all dem, was kommen würde.“

Thomas Hettche
(aus: „Sinkende Sterne“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 2023)



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