Katechon
„Die frühen christlichen Gemeinden hatten zunächst in Erwartung einer baldigen Erlösung gelebt, nun musste Paulus die Verzögerung der Parusie begründen. Was von manchen als Zeichen der nahen Wiederkunft Christi gedeutet werde, warnte er, seien in Wahrheit Listen seines großen Widersachers, des Antichristen. Ein falscher Messias wolle die Menschen zu früh in Sicherheit wiegen, doch führe er sie damit hin zum Bösen. Es gebe jedoch, beruhigte Paulus die Gläubigen, eine Kraft, die den falschen Messias aufhalte, entlarve und damit den Menschen Zeit gewinnen lasse, sich auf die tatsächliche Parusie vorzubereiten.
Diese verzögernde Instanz wird im Griechischen Katechon genannt.
Allerdings ist diese Macht keineswegs nur figürlich bestimmt, sondern kann auch eine Eigenschaft sein. Es ist unklar oder von der jeweiligen Bibel-Übersetzung abhängig, ob es sich um den oder das Katechon handelt, ob sein Wirken aktiv gestaltet oder passiv erlebt wird. Selbst die Zuordnung des 2. Thessalonicher-Briefes zu Paulus ist umstritten.
Sicher ist nur, dass es sich beim Katechon um eine Macht handeln soll, die den Lauf der Dinge zu hemmen vermag.
Bereits dies ist nicht einfach zu begreifen, denn eigentlich erwartet das Christentum ja freudig das Ende und lebt auf diese Erlösung hin.
Warum sollte ein »Aufhalter« nun in ihrem Sinne sein, der dieses Ende hinauszögert?
Auch in welcher Gestalt diese Kraft und ihr Gegenspieler tätig werden, ließ Paulus im Ungewissen.
Die Frage, ob es die gesamte Christenheit, die Glaubensstärke, eine Institution oder gar ein einzelner Mensch sei, war über Jahrhunderte Gegenstand theologischer Debatten.
Schließlich entfaltet der Paulus-Brief eine verwirrende Abfolge von Ereignissen, wonach der Antichrist diesen »Aufhalter« sogar zunächst besiegen müsse, um anschließend in seinem Triumph von der Wiederkehr Christi hinweggefegt zu werden.
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In diesem Essay geht es um die aktuelle Renaissance des Katechon-Motivs, vor allem seit der Begriff durch Akteure wie den deutsch-amerikanischen Tech-Unternehmer Peter Thiel ins deutsche Feuilleton strahlt.
Zurückstrahlt, müsste es genauer heißen, denn der Katechon war in Europa bis in die Zeit der Aufklärung eine präsente Figur zur theologischen Legitimation irdischer Herrschaft, die sich stets in der Konfrontation mit dem Antichristen wähnte.
Schon unmittelbar nach Paulus wurde das römische Kaisertum als Schutzmacht der Christenheit identifiziert, dessen Aufgabe es sei, den Antichristen aufzuhalten.
Eine darauf aufbauende Reichstheologie sah ihn entsprechend im Heiligen Römischen Reich (später auch Deutscher Nation) und dem römischen Kirchenrecht tätig.
Solange die Wirkung des Antichrist in der Geschichte ausgemacht wurde, bedurfte es eines Gegenspielers, ihn aufzuhalten.
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Ganz in diesem Sinne hat Thiel bereits 2009 sein »Glaubensbekenntnis« für das radikal-libertaristische Cato Institute in Washington ausformuliert, das sich ebenfalls dem Kampf gegen jede gesellschaftliche Regulierung verschrieben hat, da es diese als Angriff auf die individuelle Freiheit wertet.
Er halte es für möglich, schrieb Thiel, dass »das Schicksal der Welt von den Bemühungen einer einzelnen Person abhängen« könne, die »die Maschinerie der Freiheit aufbaut oder propagiert« und die Welt damit »für den Kapitalismus sicherer« mache.
In diesem Text lamentierte der Unternehmer auch über die Folgen des Frauenwahlrechts und prägte die Maxime, dass Freiheit und Demokratie nicht mehr miteinander vereinbar seien.
Wie Felix Schilk nachzeichnet, zeigt sich die Wirkung der »Diskursmacht« solcher Deutungsangebote darin, dass »unter Rückgriff auf die katechontische Form der Apokalyptik heroische Subjekte auf den Plan gerufen werden, deren Regime sich die unheroische Masse unterwerfen soll«.
Vor dem Hintergrund dieses cäsarischen Szenarios steht die in den Kreisen der Tech Bros gerne verwendete »römische« Ästhetik in einem ganz anderen Licht.
Thiels Berufung auf die Paulus-Briefe hat eine regelrechte Welle kritischer Essays, mitunter auch aus fachtheologischer Perspektive, hervorgerufen, die vor einer leichtfertigen Politisierung der Motive warnen.
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Auch der langjährige Leiter der katholischen Friedensorganisation Pax Christi, Wolfgang Palaver, warnt vor dieser Paulus-Auslegung. Als Dialogpartner des Unternehmers, den er an der Universität Stanford kennengelernt hatte, fasste der Theologe Thiels Weltsicht im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung nochmals zusammen.
Sie bestehe aus uneingeschränktem Vertrauen in Technologie und einer vehementen Ablehnung von »Regulierung und Sicherheitsdenken« vor allem seitens Staaten und internationaler Organisationen.
Hinweise »auf den drohenden Klimakollaps oder eine atomare Katastrophe« hinderten für Thiel nur die Entfaltung.
Auch Palaver identifiziert die Bibel als eine Quelle dieses unternehmerischen Weltbildes.
Thiel beziehe sich, neben der Johannes-Apokalypse, auf »eine Stelle bei Paulus, wonach der Antichrist mit Frieden und Sicherheit lockt, um die Menschen irrezuführen«.
Um diesen Sieg des Antichristen zu verhindern, setze er auf Vance und Trump, da diese »die Globalisierung zurückdrehen, die Demokratie und staatliche Institutionen zerstören, um so für etwas Neues Platz zu machen. Weniger Kontrolle und Regulierung und freie Hand für Unternehmer.«
Ein steinreicher Hochtechnologie-Unternehmer mit exzellenten Verbindungen und apokalyptischer Erwartung, der seine politische Haltung mit biblischen Bezügen untermauert, das klingt nach dem Szenario eines James-Bond-Films, konnte aber im Tech-Kapitalismus Realität werden.
Vor diesem Hintergrund schreibt Helmut Kellershohn, dass »Peter Thiels Aneignung der Lehre vom Katechon, Antichrist und Armageddon [als] politisch-theologische Selbstermächtigungsstrategie verstanden werden« sollte.
Das ist umso mehr zu bedenken, wenn dieser Mann den US-Vizepräsidenten J. D. Vance fördert, der im Gegensatz zu Donald Trump seine Zukunft noch vor sich hat.“
Volker Weiß (aus „Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“)
Das Erscheinen dieses Hörbuchs habe ich seit seiner Ankündigung so ungeduldig ersehnt wie kaum je ein anderes, beinahe hätte ich doch noch vorher das E-Book erworben. Sind ja auch nur 128 Seiten.
Das Thema mag abseitig oder abgehoben klingen, sein Missverstehen bzw. Missbrauchen hat jedoch schon jetzt sehr handfeste Folgen für unsere ganz reale Welt, taucht es doch früher oder später bei nahezu allen besonders bösen Bösewichten unserer Gegenwart auf.
Je mehr ich über Gestalten wie Peter Thiel und Curtis Yarvin, Götz Kubitschek usw. hierzulande sowie erst recht den manischen Denkerimitator Alexander Geljewitsch Dugin und dessen nicht weniger flachen Kompagnon Konstantin Walerjewitsch Malofejew erfahre, desto klarer wird, wie sehr deren Geschwurbel letztlich doch stets nur eigenmächtig verquirlter und aufgeschäumter Unfug ist.
Sogar Carl Schmitt mit seiner politischen Großraumlehre als deren gemeinsamer Urmaniker: im Kern kaum mehr als einfach nur armselig.
Sie alle eint die zentrale Wahnidee, eine möglichst allgewaltige Institution (Kirche oder Staat) könne — bzw. solle — es für alle Menschen bestens richten.
Als wäre es geradezu unvorstellbar, wie sich in solchen Institutionen stets noch die psychopathischsten Individuen dazu aufschwingen, sowohl deren große Ziele als auch all die einzelnen Maßnahmen hierfür nurmehr der ganz individuellen Paranoia unterwerfen zu wollen.
Als gäbe es keinen damit drohenden Sergei Alexandrowitsch Karaganow, eine europäische Hauptstadt als „katechontischen“ Akt thermonuklear auszulöschen, sollte die EU nicht endlich die Ukraine fallenlassen.
All diese sich so Aufschwingenden: Männer und immer wieder nur alte Männer, keinen Geburtsschmerz kennend, doch vom Neugeborensein im Überirdischen schwafelnd.
So viel gealtert, doch dabei so wenig gelernt.
Nie selbst Vernichtungsschmerz erlitten, und nur deswegen auch so leichthin vom Vernichten fantasierend.
Nie mit dem eigenen Leib ernsthaft an Hunger gelitten, und doch Millionen Mitmenschen wie nebenher zum Hungertod verdammen wollend.
Nicht nur unwillens, sondern unfähig dazu, selbst im Kleinen Gutes zu tun — doch umso gieriger danach, allein im Allergrößten allgewaltig zu sein.
Selbst ein Nichts, dafür vom Staatsapparat alles ersehnend.
Pfui Deibel.
Wie Volker Weiß diesen giftigen Nebel zu durchleuchten vermag, ist geradezu anbetungswürdig. Einerseits sein spezielles Fachwissen, um das ich ihn schamlos beneide, darüber hinaus jedoch erst recht diese so seltene Gabe, es nicht nur analytisch präzise verwenden, sondern auch argumentativ schlagkräftig so in Worte setzen zu können, dass es einem einfach nur das Licht anknipst im Köpfchen.
Und Claus Vester als Sprecher des Hörbuchs ist eine einzige Wucht, allein schon damit, wie er die intellektuelle Plattfüßigkeit all dieser Widerlinge beim Wiedergeben ihrer wörtlichen Zitate klanglich herauszuarbeiten versteht: sensationell.
Last but not least: Hätte in all meiner bisherigen Lebenszeit nie gedacht, einmal so viel Zutrauen auf den aktuellen Papst zu richten. Geradezu Gottvertrauen. 😏



